Achtsamkeit und Stimme – Überblick für Insider
Achtsamkeit, Meditation und MBSR in Verbindung mit der Arbeit an Stimme. Im 5. Gruppenflow führte eine Gastdozentin uns durch Bodyscan, Perspektivwechsel und weitere hilfreiche Techniken.
Achtsamkeit, Meditation und MBSR in Verbindung mit der Arbeit an Stimme. Im 5. Gruppenflow führte eine Gastdozentin uns durch Bodyscan, Perspektivwechsel und weitere hilfreiche Techniken.
25.04.2022 Gruppenflow #5 – „Achtsamkeit & Stimme“
Achtsam ging es zu im letzten Gruppenflow. Bernadette hat uns mit ihrer wohlwollenden Art in die Praktiken des MBSR-Trainings (Mindfulness-based-stress reduction) eingeführt. Mit einem Bodyscan, einer Meditation und einem Perspektivwechsel konnten wir am Ende wie Marionettenspieler auf unserem Instrument Stimme spielen. Eine tolle Erfahrung!
Im Folgenden findet Ihr eine Zusammenfassung unseres
Gruppenflow #5:
Freiheit und Verbundenheit
Bernadette tauchte mithilfe eines Textes von Bettina Wenzel namens „Gesang und Freiheit“ (aus „Die Philosophie des Singens“) direkt ins Thema ein:
„Der Gesang steigt in höchste Frequenzen auf, mühelos und frei. Zieht kleine Kreise wie ein Segelflugzeug am Himmel, schwebt ruhig im Halbkreis. Von einer Windböe erfasst, verliert die Stimme an Höhe, fängt sich wieder und gleitet ruhig dahin, mehrere Sekunden lang. Dann plötzlich die Entscheidung, alles zu ändern: Tonhöhe und Intensität, frei gewählt, der Entschluss kommt aus dem Innersten der Sängerin. Der Gesang stürzt sich als Glissando über vier Oktaven in die tiefsten Register. Das Lebensgefühl eines Bussards vielleicht, der auf dem Feld eine Maus entdeckt hat, elegant und unerschrocken fliegt er zu Boden. Nach dem Sturzflug angekommen, rollt der Stimmklang, mit hoher Energie aufgeladen, am Boden entlang, so wie ein Tänzer, um dann gleich wieder hochzuspringen. Mit unfassbarer Leichtigkeit, den Körper schon bereit für den nächsten Sprung. Nur die Muskeln, die in genau diesem Augenblick relevant sind, sind angespannt, alle anderen relaxed. Sprudelnd, wie aus einer unerschöpflichen Quelle kommend und doch bewusst erlebt, souverän geführt, hinein in die nächste musikalische Entscheidung.“
Auf der Suche nach einem freien, selbst-bewussten Musizieren sind zwei Polaritäten von immenser Bedeutung: Freiheit und Verbindung
1. Freiheit
- 1.1. …in stimmphysiologischer Hinsicht:
- Der Stimmapparat ist auf eine komplexe und nahezu verschwenderische Art und Weise in unseren menschlichen Körper eingebunden – von allen für die Phonation vorgesehenen Muskeln nutzen wir nur einen kleinen Bruchteil
- Freiheit, sich dieser physiologischen Gegebenheiten zu bedienen und die Möglichkeiten künstlerisch auszuschöpfen
- 1.2….in mentaler/emotionaler Hinsicht:
- Freiheit von Lampenfieber
- vom inneren Kritiker und damit von Bewertungen, der Identifikation mit unseren limitierenden Vorstellungen, Ängsten und blockierenden Glaubenssätzen über uns als Musiker und unser Instrument (was es zu tun vermag und was nicht).
- → Bewertung ist ein unumgänglicher Bestandteil des Musizierens, z.B. Bewertung durch Gesangslehrer*in, durch Mitmusizierende, durch uns selbst, durch Kritiker usw.
- Bewertungen fußen auf Konzepten, auf Idealen, die höchst kulturell geprägt und sehr subjektiv sind, Z.B. mongolischer Kehlgesang, Vierteltönigkeit in arabischer Musik, Veränderung des Stilempfindens durch die Musikgeschichte

2. Verbundenheit
- 2.1. …mit dem Körper
- wir sind oft vollständig mit unseren Gedanken identifiziert: in unserer (westlichen) Gesellschaft wird dem Denken und allen geistigen Fähigkeiten allgemein mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem Körperbewusstsein
- im Körper sein bringt uns unmittelbar in den gegenwärtigen Moment → befähigt uns Musiker*innen, wach und offen zu sein für das, was uns in diesem Moment des Musizierens berührt und bewegt, in einen Zustand des „Flow“ zu kommen
- Meditation fördert Zustand der inneren Sammlung und Aktivität des Parasympathikus, der Ruhe und Entspannung auslöst
- → von großer Bedeutung während Bühnensituationen, die häufig Stress im Körper auslösen → Sympathikus ist aktiv und sorgt für hohen Adrenalinspiegel, schnellen Herzschlag und flachen, schnellen Atem usw.
- 2.2 …mit Anderen
- Verbundenheit mit den Mitmusikern und mit dem Publikum
→ Fähigkeit, berührbar zu sein, die anderen mit Wohlwollen, Freundlichkeit und Wertschätzung zu betrachten und sich durch sie genauso betrachtet zu fühlen → macht freies Musizieren erst möglich und öffnet Raum für „besondere“ Erfahrungswelt für Publikum und Musizerende gleichermaßen

Die Achtsamkeitspraxis kann uns nicht nur direkt auf der Bühne, sondern bereits beim Üben unterstützen:
- sich vor dem Üben fragen „Wie bin ich gerade hier?“, wahnehmen, ob man vielleicht Unruhe und Zeitdruck empfindet, da man z.B. nur eine Stunde Zeit zum Üben hat usw.
- ganz bewusst einen inneren Raum der Offenheit, Neugierde, des Wohlwollens und Anfängergeists betreten
- → schafft körperlich und mental alle Vorraussetzungen, um in der folgenden Übeeinheit so gut zu lernen und zu erforschen, wie es gerade geht → mit einem wirklichen Interesse daran, wie es mir jetzt gerade geht, wie meine Stimme genau jetzt klingt, was in mir heute zum Klingen kommt, erst einmal ohne die Absicht, dies sofort zu korrigieren, zu ändern
Als Anregung, diesen inneren Raum zu finden und zu kultivieren, teilte Bernadette mit uns zunächst eine spielerische Körperübung zur Steigerung des Körperbewusstseins, die sich gut als Einstieg in jede Übeeinheit eignet:
Körperübung „Schütteln“
- Stehen – Aufmerksamkeit auf den linken Fuß richten – Zehen langsam abwechselnd anheben und absinken, spielerisch nur einmal den großen Zeh abheben, danach nur den kleinen Zeh usw. – allmählich den ganzen Fuß mit in die Bewegung einbeziehen: abwechselnd Ferse und Ballen heben, abrollen, am Boden massieren – Fuß kreisen und in ein Schütteln übergehen
- Schütteln nach und nach ausweiten auf Unterschenkel → Knie → Oberschenkel → Hüfte, frei in Intensität und Geschwindigkeit
- Ruhig stehen und nachspüren – Was kannst Du auf der linken Unterseite des Körpers wahrnehmen? – Ist ein Unterschied zur rechten Seite spürbar?
- Mit rechtem Fuß und Bein Schritte 1. und 2. wiederholen
- Nachspüren – Körperempfindung und Atem beobachten
- Aufmerksamkeit auf beide Hände richten – Finger langsam bewegen, spreizen, zur Faust ballen – Handgelenke kreisen und dann ins Schütteln übergehen
- Schütteln nach und nach ausweiten auf Unterarm → Ellenbogen → Oberarm → Schultern
- Nachspüren – Körperempfindung und Atem beobachten
- Schütteln auf den ganzen Oberkörper ausweiten, auch den Kopf mit einbeziehen → Schütteln kann in ein Tanzen übergehen → Vom Kopf in den Körper kommen → alle restlichen Spannungen lösen
- Nachspüren – Wie fühlt sich der ganze Körper nun an? Welche Körperempfindungen zeigen sich (z.B. Kribbeln, Wärme, Weite, Herzschlag…)
Nun führte sie uns durch einen Bodyscan im Sitzen oder Liegen, gefolgt von einer Meditation mit Schwerpunkt auf die Beobachtung des Atems.
Zum Abschluss zeigte Bernadette uns eine Visualisierungs-Übung, die vom Feldenkrais und der Stimmpädagogin Kristin Linklater (Kristin Linklater„freeing the natural voice“) inspiriert ist. In dieser Übung konnten wir ausprobieren, wie sich mit Hilfe unserer Vorstellungskraft und inneren Bildern unsere Körperempfindungen verändern können und wie wir dies auf unsere Stimme übertragen können. So spielten wir am Ende als Marionettenspieler auf unserem Instrument Stimme und erforschten neugierig die einzigartigen Klänge und Empfindungen in verschiedenen Resonanzräumen.

Ich hoffe, diese Zusammenfassung kann Dir eine Inspiration auf Deiner achtsamen Entdeckungsreise mit Deiner Stimme sein! Über Anregungen, Fragen und Wünsche freue ich mich sehr!
Du findest Bernadette und Vergnügte Ruh unter www.vergnuegteruh.de und ihrem Instagram-Account /vergnuegteruh. Dort kannst Du noch mehr über Achtsamkeit, Meditation und MBSR erfahren und verpasst keine Neuigkeiten zu aktuellen Workshops, Events und Online-Meditationen.
Aus Lesen wird Tun: Tauche tiefer in die Arbeit mit Stimme ein mit dem Videokurs „Bleib dran“.
