Drei Prinzipien, die aus guten Vorsätzen Stimmroutine machen

Viele scheitern nicht an fehlender Willenskraft.
Sie scheitern an einem unbrauchbaren Plan.

Typischer Ablauf:

Du setzt dir ein Ziel.
Du startest stark.
Du machst zu viel auf einmal.

Und dann – irgendwo zwischen Woche 4 und Woche 6 – passiert das, was bei echter Stimmarbeit völlig normal ist:
Der Alltag wird dichter. Die Energie schwankt. Die Stimme braucht Regeneration. Eine Einheit fällt aus oder du entscheidest bewusst: Heute ist Pause sinnvoll.

Wenn dein System dann nur „alles oder nichts“ kennt, kippt es schnell in Selbstkritik:
„Warum halte ich das nicht durch?“
„Andere sind konsequenter.“
„Mit mir stimmt was nicht.“

Doch bei Stimme gilt: Fortschritt ist Belastung + Erholung.
Nicht Dauerleistung. Nicht „jeden Tag“. Sondern ein System, das du über Wochen halten kannst.

Hier sind drei Prinzipien, die ich dafür konsequent nutze – in der Arbeit mit Stimmen genauso wie in jeder anderen Entwicklungsroutine.


1) solide Basis statt Peak

Plane für dein normales Leben – nicht für deine besten Tage.

Die meisten bauen ihre Routine in einem Motivationshoch:
Neujahr, Neubeginn, „jetzt aber wirklich“.

Dann entstehen Peak-Ziele: 45 Minuten, 5–6 Einheiten pro Woche, „alles rein“.
Das funktioniert… bis es nicht mehr funktioniert.

Bei Stimme ist das besonders heikel, weil ein Peak-Plan zwei Dinge ignoriert:

  • Alltagsschwankungen (Zeit, Energie, Fokus)
  • Regeneration (Pausentage sind Training, nicht Lücke)

Vocalflow-Shift: Definiere eine Basislinie, die du auch dann halten kannst, wenn es eng ist.

Beispiele für Basislinien (du wählst eine, die realistisch ist):

  • 8–12 Minuten Stimmbasis (kurz, klar, wiederholbar)
  • oder an Tagen, an denen Stimme Ruhe braucht: 0 Minuten Stimme + 5 Minuten Körper/Atmung/Release/Mindset
    (das ist kein „Ausweichen“, das ist Belastungssteuerung)

Wichtig: Eine gute Basislinie enthält Pausentage als festen Bestandteil. Nicht als Notlösung, sondern als Plan.

Merksatz: Wenn dein Minimum tragfähig ist, steigt dein Durchschnitt. Und du bleibst im Prozess.


2) Richtung statt Perfektion

Du brauchst keinen perfekten Plan. Du brauchst eine klare Richtung – und Feedback.

Viele warten auf „die richtige Methode“, „den perfekten Lehrer“, „den perfekten Zeitpunkt“.
Das klingt sorgfältig – ist aber oft nur Stillstand.

In der Praxis entsteht stimmliche Klarheit durch Eigenwahrnehmung und Bewegung:

  • Du probierst etwas.
  • Du spürst Wirkung.
  • Du justierst.

Richtung ist ein körperliches Kriterium:
Mehr Weite, besserer Kontakt, weniger Druck, stabilerer Atemfluss? Das ist ein „Ja“.
Enge, Überdruck, Anstrengung, Müdigkeit, Widerstand? Das ist Information – nicht Versagen.

Bei Vocalflow ist das der Kern: Wir arbeiten mit dem System, nicht gegen das System.
Du gehst Schritt für Schritt in eine Richtung, die dein Körper mitträgt.


3) Korrektur statt Selbsturteil

Meisterschaft heißt: schnell und freundlich nachjustieren.

Du wirst Einheiten auslassen.
Du wirst Pausen brauchen.
Du wirst Wochen haben, die nicht „ideal“ sind.

Die Frage ist nicht „ob“. Die Frage ist: Wie korrigierst du?

Selbsturteil macht es schwerer, wieder einzusteigen.
Korrektur macht es leichter.

Korrektur klingt so:

  • Was hat diese Woche real gestört: Zeit, Stress, Schlaf, Stimme müde?
  • Was ist die kleinste Anpassung, die es wieder machbar macht?
  • Wo brauche ich mehr Regeneration, wo weniger Druck (von aussen?!), wo mehr Struktur?

Vocalflow-Standard: Wir denken in 4–6-Wochen-Zyklen.
Nicht in „Ich muss jeden Tag liefern“, sondern in:
„Wie sieht ein System aus, das sich über Wochen stabil trägt?“


Ein einfacher Vocalflow-Plan für die nächsten 4–6 Wochen

Wenn du es pragmatisch willst, nimm dieses Raster:

  1. Basislinie festlegen
    „So klein, dass ich sie fast immer schaffe.“
  2. Pausentage bewusst einplanen
    Pause ist kein Ausstieg. Pause ist Teil der Anpassung.
  3. Optional: Peak als Bonus
    Gute Tage = mehr. Aber nie als Pflicht.
  4. Wöchentlicher 3-Minuten-Check
    Was war gut? Was war zu viel? Was mache ich nächste Woche leichter?

Das ist nicht spektakulär.
Aber es funktioniert – weil es stimmphysiologisch sinnvoll ist und alltagstauglich bleibt.


Frage an dich

Wenn du deine Stimmroutine nicht für Peak-Tage, sondern für ein echtes, lebbares System bauen würdest: Was wäre deine Basislinie – und wie viele Pausentage würdest du bewusst einplanen?

Wenn du das hier praktisch umsetzen willst (inkl. Pausentagen und Belastungssteuerung):

Oder kostenlose Routine-Vorlage holen:

Gähnen ist ja so gesund! Teil 1

Foto: Antony Trivet

Was ist Gähnen?

Gähnen ist ein reflexartiges Verhalten. Der Unterkiefer wird weit geöffnet, die Augen meist zugekniffen oder geschlossen, die Stirn gekräuselt. Atem fließt durch den Mund ein und durch Mund oder Nase wieder aus. Etliche Gelenke, Sehnen und Muskeln werden gedehnt und angespannt (trainiert). Blutdruck und Herzschlag werden erhöht und zwischen Mittelohr und Umgebung findet ein Druckausgleich statt. Gähnen geht oft einher mit dem Strecken des ganzen Körpers, vor allem aber morgens nach dem Aufwachen. Emotionen, Stimmungen und Appetit können durch Gähnen beeinflusst werden.

Seit über 80 Jahren beschäftigen sich Forscher mit dem Phänomen des Gähnens. Dennoch ist die Ursachen des Gähnens bislang nicht bekannt! Es scheint so einfach und ist doch unglaublich komplex.
Eine weit verbreitete Annahme, die auch ich fast immer als erstes höre, wenn ich nach dem Grund des Gähnens frage: „Wenn man zu wenig Sauerstoff im Körper hat, muss man gähnen.“, konnte vom Gähnforscher Richard Provine bereits entkräftet werden.

Gähnen im Tierreich

Auch Tiere gähnen. Fast alle Säugetiere und auch viele Wirbeltiere konnten beim Gähnen beobachtet werden. Ob dabei die Augen geschlossen oder offen sind, spielt hier eine große Rolle. Dadurch wird das echte Gähnen vom Gähnen aus Affekt unterschieden. Gähnen Tiere mit offenen Augen, ist es meist als Droh- oder sexuelle Gebärde zu verstehen.

Gähnt ein Löwe mit geschlossenen Augen, zeigt er ganz klar seine machtvolle Position an. Sein Rudel sich sicher sein, dass keine Gefahr droht, auf der anderen Seite aber ist auch klar, wer hier der Boss ist.
Hunde gähnen, um in die Gänge zu kommen, wenn sie müde sind, aber auch wenn sie unsicher sind oder eine Situation beschwichtigen wollen.

In der Tierwelt gähnen Raubtieren mehr als Pflanzenfresser, und Männchen mehr als Weibchen.

Das macht man nicht!

Mittlerweile direkt mit Müdigkeit oder Langeweile in Verbindung gesetzt, wird Gähnen in unserer westlichen Gesellschaft auch als unhöflich und beleidigend angesehen. Wir haben gelernt, es zu verstecken oder gar zu unterdrücken.

Giovanni Della Casa empfahl in seinem „Erziehungsbuch“ Galateo  schon 1558, überhaupt nicht vor anderen zu gähnen, weil es unhöflich auf sie wirke: „Gelehrte hörte ich oft sagen, dass ‚Gähner‘ im Lateinischen soviel bedeutet wie ‚Faulenzer‘ oder ‚Nichtstuer‘. Vermeide also diese Unsitte, die das Ohr, die Augen und den guten Geschmack beleidigt; schließlich zeigt das Gähnen nicht nur, dass wir der anwesenden Gesellschaft wenig gewogen sind, sondern es wirft auch ein schlechtes Licht auf uns selber. Es sieht aus, als wären wir schläfrig und müden Geistes, was uns nicht eben liebenswürdig macht für diejenigen, mit denen wir umgehen.“

Foto: Cottonbro Studio

Die Gewohnheit, sich beim Gähnen die Hand vor den Mund halten, könnte auch damit zu tun haben, dass der Mundinnenraum Einiges über den Menschen und seinen Gesundheitszustand verrät: Mithilfe der Zungenanalyse kann man verschiedenste Mängel oder gar Krankheiten analysieren. Der Zustand des Gebisses legt die individuellen Gewohnheiten und den Anspruch an Hygiene offen. Mundgeruch, schmutzige, kaputte oder einfach nur schiefe Zähne möchte man nicht aller Welt präsentieren.

Vielleicht steckt aber auch der „Löwengedanke“ dahinter?! Wer sich streckt und ungeniert gähnt, fühlt sich sicher und frei. Diese machtvolle Position ist in unserer hierarchischen Gesellschaft natürlich nicht überall willkommen!

Oder steckt Magie dahinter, wenn wir uns beim Gähnen die Hand vor den Mund halten? Was heute als Zeichen guter Erziehung gilt, war im Mittelalter ein Abwehrzauber. Man fürchtete, bei ungeschütztem Gähnen könnte die Seele aus dem Mund entweichen oder ein Dämon von außen in den Körper eindringen.

Im nächsten Teil erfährst du, warum das Gähnen so gesund ist und was es mit unserer Stimme macht und warum wir es für unsere Gesangstechnik als elementares Training schätzen.