Gähnen ist ja so gesund! Teil 2:
Was Gähnen mit Körper und Stimme macht Ein ausgiebiges Gähnen, die Arme nach oben strecken, ein wohliger Seufzer. Manchmal braucht…
Was Gähnen mit Körper und Stimme macht
Ein ausgiebiges Gähnen, die Arme nach oben strecken, ein wohliger Seufzer. Manchmal braucht es erstaunlich wenig, damit wir uns wieder etwas freier fühlen. Auch die Stimme klingt danach anders: weniger eng, voller, müheloser, entspannter.
Aber was passiert beim Gähnen eigentlich im Körper? Warum nutzen wir es in der Stimmbildung? Und was haben das Strecken, unsere Stimmung und das Singen miteinander zu tun?
Im ersten Teil ging es darum, warum wir gähnen und weshalb wir es so häufig unterdrücken. Jetzt darfst du deinem Gähnen nachspüren – und entdecken, wie es auf deine Stimme wirkt.
Was passiert in deinem Körper, wenn du gähnst?
Gähnen ist eine komplexe Bewegung. Der Mund öffnet sich, der Kehlkopf senkt sich, der gesamte Bereich um Kiefer und Hals und Brustkorb weitet sich stark, du atmest tief ein. Für einen kurzen Moment hält die Bewegung inne. Anschließend atmest du wieder aus. Dabei arbeiten Atemmuskulatur, Kiefer und zahlreiche Muskeln im Gesicht und Hals und Brustkorb zusammen. Nach dieser kurzen, aber starken Anspannung können alle Muskeln besser entspannen.

Gähnen bedeutet also keineswegs, dass plötzlich alle Muskeln entspannen. Es ist ein Ablauf aus umfassender Aktivität, Dehnung und anschließendem Nachlassen. Untersuchungen zeigen außerdem vorübergehende Veränderungen von Herzfrequenz und Atmung. Das passt zu dem Eindruck, dass ein Gähnen unseren Zustand spontan verändern kann.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Vorher warst du etwas fest oder zusammengesunken. Nach dem Gähnen spürst du deinen Körper wieder deutlicher.
Ist Gähnen wirklich so gesund?
Gähnen ist zunächst ein normales körperliches Verhalten. Für die Stimmbildung ist besonders interessant, dass es uns ungewohnte Bewegungen und ein Gefühl von Weite zugänglich macht.
Die verbreitete Erklärung, wir würden wegen Sauerstoffmangels gähnen, wurde experimentell nicht bestätigt. Gähnen ist deshalb keine besondere „Sauerstoffdusche“. Welche Funktionen es insgesamt erfüllt, ist weiterhin nicht abschließend geklärt.
Wenn wir Gähnen für die Stimme nutzen, geht es um etwas sehr Konkretes: Kehlkopf senken, Vokaltrakt und Brustkorb weiten, außerdem Beweglichkeit wahrnehmen, unnötigen Kraftaufwand entdecken und einen leichteren Zugang zum Klang finden.
Gähnen und Strecken: Mach dich groß und weit
Besonders morgens kommt das Gähnen oft zusammen mit einem ausgiebigen Strecken. Diese Verbindung wird auch als Pandikulation bezeichnet.
Probier es einmal: Strecke die Arme nach oben, dann etwas zur Seite. Lass deine Rippen mitgehen und bewege dich so, wie es gerade angenehm ist. Vielleicht möchte sich auch dein Rücken drehen. Spüre die starke und aktive Anspannung! Anschließend lässt du die Arme wieder sinken und entspannst.
Was hat sich verändert?
Nach längerem Sitzen kann eine solche Bewegung eine willkommene Unterbrechung sein. Du wechselst deine Position, bewegst den Brustkorb und richtest deine Aufmerksamkeit auf den Körper. Für das Singen ist diese Wahrnehmung sehr wertvoll: Wie stehe ich? Wo fühle ich mich fest? Wohin kann sich meine Atem bewegen? Ist mein Brustkorb eingesunken oder stehe ich präsent mit gestreckter Wirbelsäule?
Groß und weit werden soll sich beweglich anfühlen. Du brauchst dafür weder ein herausgedrücktes Brustbein noch hochgezogene Schultern.
Körper, Stimmung und Psyche: Wie fühlt sich Weite an?
Wenn wir angespannt sind, bemerken wir das manchmal zuerst körperlich: Die Zähne berühren sich fest, die Schultern ziehen nach oben, der Atem wird flach oder gar angehalten. Auch die Stimme kann sich dann angestrengt anfühlen.
Gähnen und Strecken bieten eine Gelegenheit, diese Muster für einen Moment zu unterbrechen. Vielleicht erlebst du die Bewegung als befreiend. Vielleicht fühlst du dich danach wacher oder ruhiger. Vielleicht bemerkst du zunächst nur, wie müde du bist.
All das darf sein. Gähnen ist kein verlässlicher Schalter für gute Laune.
Oft höre ich in den ersten Stunden der Stimmbildung von neuen Schülern, dass sie das Gähnen müde macht. Im ersten Teil des Artikels habe ich berichtet, wie wir in unserem gesellschaftlichen Kontext Gähnen automatisch mit Müdigkeit verbinden und deswegen auch zu vermeiden versuchen.
Das ist die eine Seite des Gähnens – diejenige die uns allen bekannt ist.
Das Bild vom „Groß-und-weit-Werden“ kannst du dennoch für dich nutzen: Wie fühlt es sich an, Raum einzunehmen? Die Arme auszubreiten? Den Mund zu öffnen, ganz weit und einfach so?
Traust du dich überhaupt, diesen Raum einzunehmen, selbst wenn du nicht allein bist?
Beobachte, ob sich mit deiner Körperhaltung auch dein inneres Erleben verändert. Diese kleine Erkundung kann ein schöner Einstieg in die Stimmarbeit sein.
Außerdem ist diese enorme Anspannung im Moment des Gähnens auch immer verbunden mit einem starken (Gesichts-)Ausdruck. Schau dir das Foto des Babys weiter unten an. Gähnen und schreien liegen nah beieinander. Und jetzt überleg mal, wann du das letzte Mal in solcher Intensität geschrieen hast?!

Am Anfang des Stimmtrainings geht es viel ums Gähnen. Meistens frage ich: „Was machst du beim Gähnen?“ oder „Wie fühlt sich das an?“
Interessanterweise ist die häufigste Antwort: „Entspannen – es fühlt sich entspannt an.“
Das ist es, was bleibt. Das ist der Effekt.
Nach dieser enormen Anspannung kann die Muskulatur (und das Gehirn) umso tiefer entspannen!
Was hat Gähnen mit dem Singen zu tun?
Beim Singen stimmen wir Atem, Stimmlippenschwingung und die Form des Vokaltrakts aufeinander ab. Zu diesem formbaren Klangraum gehören unter anderem der Rachen und die Mundhöhle.
Genau hier setzt die Arbeit mit dem Gähnen an.
Gähnen macht Weite im Rachen erfahrbar
Beim Gähnen verändert sich die Form des Rachenraums, der Kehlkopf bewegt sich nach unten. In der Stimmtherapie wird die Verbindung aus Gähnen und anschließendem Seufzen deshalb gezielt eingesetzt, um übermäßige Enge und stimmlichen Kraftaufwand zu verringern.
Für den Gesangsunterricht ist das eine hilfreiche Erfahrung: Du kannst spüren, wie sich mehr Raum im Hals anfühlt, ohne ihn allein über eine abstrakte Anweisung herstellen zu müssen.
Der Kiefer darf sich bewegen
Beim Gähnen öffnet sich der Kiefer deutlich. Nimm einmal wahr, wie sich diese Bewegung von deinem gewohnten Sprechen oder Singen unterscheidet.
Dabei geht es um eine angenehme Öffnung. Maximale Mundweite ist kein Trainingsziel. Dein Kiefer soll beweglich bleiben und sich anschließend wieder frei schließen können.
Ein besonders starker Gähndrang kann aber auch eine maximale Öffnung des Kiefers zu Folge haben. Auch das darfst du zulassen (- hier passt das Wort zulassen immer wieder erstaunlich schlecht!). Manchmal knackt es dabei und lange gehaltene Spannungen können spontan gelöst werden.
Aus dem Ausatmen kann Klang entstehen
Nach dem Gähnen folgt oft ein Seufzer. Diesen Übergang können wir für die Stimme aufgreifen: Aus der Ausatmung entsteht ein müheloser, klangvoller Ton.
So lässt sich erkunden, ob der Stimmeinsatz auch mit weniger Druck gelingt.
Das Gähnen liefert eine Bewegungserfahrung für das Singen. Beim eigentlichen Lied dürfen sich Kehlkopf, Zunge, Kiefer und Gaumensegel weiterhin flexibel an Tonhöhe, Vokal und gewünschten Klang anpassen. Eine Gähnstellung dauerhaft festzuhalten, würde diese Beweglichkeit einschränken.
Eine einfache Gähnübung für deine Stimme
Nimm dir vor dem Einsingen oder nach längerer Schreibtischarbeit ein bis zwei Minuten Zeit.
- Ankommen: Spüre deine Füße am Boden. Lass die Knie beweglich und nimm wahr, wie sich Kiefer und Schultern gerade anfühlen.
- Räkeln: Strecke dich genüsslich in verschiedene Richtungen. Atme dabei weiter.
- Gähnen einladen: Stell dir ein wohliges Gähnen vor. Vielleicht entsteht eines, vielleicht nur sein Anfang. Beides genügt.
- Leise tönen: Lass beim anschließenden Ausatmen ein sanftes „haa“ entstehen. Wähle eine bequeme Tonlage und wenig Lautstärke.
- Übertragen: Sprich einen kurzen Satz oder singe eine einfache Liedzeile. Ist es leichter geworden? Klingt es anders? Wo spürst du noch unnötigen Einsatz?
Ein bis drei angenehme Wiederholungen reichen zum Ausprobieren. Erzwinge weder das Gähnen noch einen besonders tiefen Atemzug. Versuche zu geniessen!
Mehr Leichtigkeit für deine Sing- und Sprechstimme
Du kannst das Gähnen als kleine Einladung verstehen, dein Instrument wieder wahrzunehmen: den beweglichen Kiefer, den Raum im Rachen, den Atem und den ganzen Körper.
Vielleicht beginnt dein nächstes Einsingen deshalb mit einem genüsslichen Strecken. Mit einem Gähnen. Mit einem Ton, der ganz unaufgeregt entstehen darf.
Du möchtest herausfinden, wie du diese Leichtigkeit in dein Singen und Sprechen überträgst? Bei Vocalflow erkunden wir gemeinsam, wie Körper, Atem und Klang für deine Stimme zusammenspielen.
