Sprechstimme in Beruf & Alltag – Teil I
Die Basis – Tonlage, Haltung, Atem
Die Sprechstimme ist ein erstaunlich vielseitiges Werkzeug. Sie kann freundlich sein und klar, verbindlich und weich, durchsetzungsfähig und ruhig. Und oft muss sie all das innerhalb eines einzigen Tages leisten, manchmal innerhalb weniger Sekunden umschalten: morgens im privaten Modus, dann professionell im Telefonat, konzentriert im Meeting, geduldig im Gespräch, später vielleicht noch spontan beim Hinterherrufen, Lachen, Erklären, Trösten. Wir sprechen nicht nur Inhalte. Wir regulieren mit der Stimme Beziehungen, Stimmung und Tempo – und manchmal auch uns selbst.

Genau deshalb ist Sprechen eine kleine Hochleistung in feiner Dosierung. Während du denkst, reagierst und Kontakt hältst, organisiert sich im Hintergrund sehr viel: Atem, Tonlage, Artikulation, Kieferbewegung, Spannung im Hals. Die Stimme soll tragen, ohne zu drücken. Sie soll verständlich sein, ohne hart zu wirken. Sie soll passen – zur Situation, zum Gegenüber, zu dir. Im Alltag passiert das meistens nebenbei, und gerade dadurch rutschen wir schnell in Muster, die sich „normal“ anfühlen, aber auf Dauer Kraft kosten.
Die Stimme ist dabei nicht nur Klang. Sie ist Wirkung. Sie entscheidet mit darüber, ob du als klar, ruhig und präsent wahrgenommen wirst – und auch darüber, wie du dich während des Sprechens fühlst: frei oder fest, verbunden oder angestrengt, sicher oder gehetzt.
Oft entstehen feine Verschiebungen, die sich über den Tag aufsummieren. Und genau diese unbewussten Verschiebungen lassen sich zurechtrücken, wenn du wieder eine Orientierung bekommst: Wo bin ich gerade? Wie atme ich? Wo wird es eng? In welcher Tonlage spreche ich gerade?
Versuche bei allen Übungen achtsam und wohlwollend zu sein.
Achtsamkeit heißt beobachten, ohne zu bewerten.
In der Stimmbildung geht es deshalb zuerst um die Basis:
Tonlage, Haltung und Körperspannung, ein organisierter Atem – eine Grundlage, die dich durch den Alltag trägt.
Tonlage – Indifferenzlage
In der Sprechstimme gibt es eine Art „Grundmodus“. Wenn der stimmt, trägt die Stimme. Wenn er verrutscht, wird Sprechen anstrengend. Oft wird das erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist, wenn die Stimme am Ende des Tages müde oder kratzig ist oder sich in wichtigen Momenten eng anfühlt.
Die gute Nachricht: Du brauchst dafür keine große Technik. Du brauchst Aufmerksamkeit an den richtigen Stellen.
Die Indifferenzlage: Wo „summt“ sich deine Stimme ein?
Die Indifferenzlage ist die Tonhöhe, in der deine Sprechstimme mit dem geringsten Kraftaufwand funktioniert. In dieser Lage wirkt die Stimme authentisch und ruhig. Sie ist die entspannte und persönliche Stimmlage und ist individuell verschieden.
In deiner Indifferenzlage sprichst du mit Leichtigkeit und kannst auch vor größeren Gruppen oder länger entspannt reden ohne dabei deine Stimme zu belasten. Die eigene Indifferenzlage zu kennen ist Grundlage für die gesunde und effektive Stimmführung der Sprechstimme.
Ein einfacher Zugang ist Summen. Nicht als Singübung, sondern als Orientierung.
1. Summen:
Stell dir eine entspannte Situation oder dein Lieblingsessen vor. Summe ganz entspannt und genüßlich auf ein <m>. Führe dabei eine größere Kaubewegung mit deinem Mund durch. Sei beim Summen durchgehend aktiv in deinen Lippen und dem Kiefer. Höre und spüre, wo deine Stimme klingt.
2. Verbinden: Wenn du das Gefühl hast, in deiner Indifferenzlage angekommen zu sein, verbinde das <m> mit dem Ah. Der Kiefer öffnet sich immer wieder bewusst zum genussvollen Ah. Ist der Übergang vom M zum A geschmeidig oder „macht die Stimme irgendetwas“? Klingt die Stimme voll und entspannt?
3. Übe im Alltag: Versuche dir die Tonlage zu merken und diese auf dein Sprechen zu übertragen. Übe das zunächst in vertrauter Umgebung. Dein Gegenüber muss es gar nicht wissen. Du sprichst aufmerksam!
Falls du dir nicht sicher bist, ob du noch in deiner Indifferenzlage sprichst, mach zwischendurch ein kurzes <m>, als würdest du überlegen (statt „Ähm“).
Mit dieser Übung baust du dir eine innere Referenz,
die dir als verlässliche Orientierung dienen kann.
Haltung und Körperspannung
Die Haltung beeinflusst die Sprechstimme besonders stark, da der Körper das „Instrument“ fürs Sprechen darstellt. Ob im Sitzen oder Stehen – für tragfähige und angenehme Töne ist eine aufgerichtete Haltung Voraussetzung.
Diese wird unterstützt durch angemessene Körperspannung. Die Balance zwischen unterspannt und verspannt herzustellen, ist vor allem in aufregenden Situationen oder nach langem Sitzen eine große Herausforderung.
Nimm dir deshalb zwischendurch einen Moment für einen kleinen Bodyscan:
Füße bewusst am Boden, Knie locker, Brustbein ruhig aufgerichtet, Nacken lang. Spür eine wache Mitte im Rumpf, als würdest du von innen leicht angehoben, während Schultern und Kiefer weich bleiben. Aus so einer getragenen, ruhigen Spannung kann der Klang leichter entstehen.
So ein Bodyscan beleuchtet die unterschiedlichen Körperregionen und Funktionskreise nacheinander. Eine Region bedarf dabei oft besonderer Aufmerksamkeit:
Der Kiefer: weniger Spannung, mehr Raum
Nimm deinen Kiefer war. Der Kiefer ist stark und die starken Muskeln deines Kiefers wollen meist zu viel machen. Wenn der Kiefer fest ist, kann auch die Stimme nicht mehr weich und frei schwingen. Tu dir ab und zu etwas Gutes und befreie den Kiefer!
Eine kleine Übung, die du jederzeit einsetzen kannst: Öffne den Kiefer zum „Ah“ – stumm oder mit Ton. Lege je zwei Finger vor die Ohren ans Kiefergelenk und spüre, ob beide Seiten gleichmäßig öffnen.
Danach kreise bei geöffnetem Kiefer mit den Handballen mit angenehmem Druck am Kiefergelenk und streiche seitlich diagonal Richtung Kinn aus. Schon nach wenigen Wiederholungen fühlt sich die Öffnung freier an.
Hier habe ich ein kurzes Video dazu vorbereitet:
Atem: mit Weite zu Resonanz
Beim Sprechen bringt die Ausatmung die Stimmlippen in Schwingung und ein Ton kann entstehen. Deine Atmung hat daher direkten Einfluss auf den Klang deiner Stimme. Wenn der Atem flach ist, kann auch die Stimme nicht voll und tragfähig klingen. Fürs Sprechen brauchst du eine Kombination aus Bauch- und Brustatmung. Es lohnt sich deshalb, die Aufmerksamkeit auf die Atembewegungen zu lenken.
Ein Arbeitstag am Schreibtisch im geschlossenen Raum ist bequem, aber auf lange Sicht sehr schwächend für unseren ganzen Organismus. Durch mangelnde Bewegung und eingefallene Haltung wird die Atmung geschwächt.
Aber auch die Atemmuskulatur kann trainiert werden! Wenn du mehr über die Atmung wissen willst, lies den folgenden Artikel:
Eine einfache Übung, die dich zur Ruhe kommen lässt und dich näher an deinen Atem bringt, ist die 1:2-Atmung:
Du atmest normal ein (2–3 Sekunden) und doppelt so lange aus. Drei bis fünf Zyklen reichen. Durch die Nase, Lippen geschlossen.
Diese Übung schärft den Fokus und kann auch in angespannten Situationen zur Regulation eingesetzt werden.

Regulation vor dem Sprechen: Erst Zustand, dann Stimme
Tonlage, Atem und Haltung lassen sich viel leichter finden, wenn das Nervensystem nicht gerade auf „Eile“ oder „Alarm“ steht. Darum nehmen wir uns vor dem Üben (und erst recht vor wichtigen Gesprächen) kurz Zeit, den Körper zu sortieren:
- ankommen und kurz spüren: „Wie geht es mir gerade? Was brauche ich?“
- entweder aktivieren (z. B. 10x Schultern diagonal zur Hüfte ausstreichen)
- oder beruhigen (z.B. 1:2-Atmung)
Je nachdem, was du brauchst. Diese kleine Vorarbeit ist wie das Stimmen eines Instruments: Sie schafft die Bedingungen, in denen die Basis greifen kann.
Diese 2 Minuten sind kein Luxus, sondern können dir eine unschätzbare Hilfe bieten, wenn es darum geht, effektiv zu arbeiten und deine Mittel klug und bewusst einzusetzen.
In meinem online-Kurs, „Sprechen in Beruf und Alltag“, gehen wir an diese Basis der Stimmbildung und übertragen sie Schritt für Schritt in echte Alltagssituationen:
Telefon, Meetings, Unterricht, Gespräche unter Stress.
Außerdem räume ich dem Thema „Regulation“ einen Extra-Platz ein und vermittle zahlreiche Tipps und Methoden, mit denen du dein System aktivieren oder erden und beruhigen kannst – ohne Stimme und ganz nebenbei.
Der Kurs wird in unregelmäßigen Abständen je nach Nachfrage wiederholt. Wenn du interessiert daran bist, schreib mir hier eine Nachricht mit dem Betreff „Info Sprechstimme“. Du bekommst dann weitere Infos und ich nehme dich gern in die Anmeldeliste mit auf.
Weitere Kursangebote zu Stimmbildung für Sprech- und auch Singstimme findest du hier:
